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Zeitarbeit kann die Gesundheit gefährden

6.9.2019

Zeitarbeit kann die Gesundheit gefährden

Zeitarbeit zählt zu den prekären Beschäftigungsarten. Im Allgemeinen ist sie entweder durch Befristung oder ungewisse Beschäftigungsdauer gekennzeichnet. Die Unsicherheit über Dauer und Art der Beschäftigung kann zu Sorgen führen, die sich auf die Gesundheit schlagen. Das hat eine neue Studie, herausgegeben von der OÖGKK und der Johannes Kepler Universität Linz, ergeben.

Die Studie belegt, dass Zeitarbeit in den vergangenen Jahren stetig zugenommen hat. Für den gesetzlichen Begriff „Arbeitskräfteüberlassung“ sind in der Praxis die Begriffe Leiharbeit, Zeitarbeit, Personalleasing oder Interimspersonal gebräuchlich. Diese Dienstverhältnisse sind durch ein Dreiecksverhältnis zwischen

  • dem „Überlasser“ (Zeitarbeitsfirma),
  • der überlassenen Arbeitskraft (Zeitarbeiter) und
  • dem Beschäftiger (dem der Zeitarbeiter seine faktische Arbeitskraft zur Verfügung stellt)

Zwei Arbeitgeber

Im Unterschied zu „normalen“ Dienstverhältnissen hat der Zeitarbeiter somit zwei Dienstgeber. Dabei liegen jedoch sämtliche formalen Arbeitgeberpflichten beim „Überlasser“. Als Vorteile für die Arbeitgeber werben die Zeitarbeitsfirmen mit der raschen Einsatzbereitschaft ihrer Zeitarbeiter und mit deren sorgfältiger Auswahl sowie Flexibilität. Weil Unternehmen ihren Beschäftigtenstand unter veränderten Anforderungen schnell an neue Situationen anpassen müssen, „wird Zeitarbeit als strategisches Element genutzt: Firmen reduzieren ihre Stammbelegschaft und greifen bei Auftragsspitzen oder Engpässen auf flexible Arbeitskräfte zurück“, so die neue Studie.
Dennoch darf keine Arbeitskraft ohne ihre ausdrückliche Zustimmung einem „Beschäftiger“ überlassen werden.

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Aus Sicht der Arbeitnehmer

Arbeitnehmer führen unterschiedliche Gründe an, die sie zum Eintritt in eine Zeitarbeitsfirma bewogen haben:

  • Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt
  • Erfahrungen und Weiterbildung
  • Flexibilität
  • Orientierungsmöglichkeit
  • kurzfristige Zeitarbeit mit geringer Chance zur Übernahme in den Beschäftigungsbetrieb (z.B. vor dem Präsenzdienst, ohne abgeschlossene Ausbildung oder mit gesundheitlichen Problemen)
  • kein Zugang zum regulären Arbeitsmarkt (etwa Migranten oder Obdachlose)
  • langfristige freiwillige Zeitarbeit wegen höherem Einkommen und mehr Flexibilität (eher Spezialisten und Experten)

Die Aussicht auf eine Übernahme durch den Beschäftiger führt praktisch zur Verlängerung der Probezeit, während der Zeitarbeiter besonderer Beobachtung und Belastung ausgesetzt sind. Durch Wohlverhalten und besonderen Einsatz versuchen sie, sich für eine Weiterbeschäftigung oder Übernahme in ein Regeldienstverhältnis zu qualifizieren. Dazu gehört auch, dass im Krankheitsfall die Arbeit wieder aufgenommen wird, bevor die Krankheit vollständig auskuriert ist.

Arbeitskräfteüberlassungsgesetz (AÜG)

Gesetzliche Rahmenbedingungen, um Benachteiligungen auszuschließen, schaffen das Arbeitskräfteüberlassungsgesetz und der Kollektivvertrag für Arbeitskräfteüberlassung. In der Praxis, so die Studie, werden diese Regelungen oft umgangen oder einfach nicht eingehalten.
Eine Gesetzesänderung per 1. Jänner 2013 versucht, bestehende Benachteiligungen von Zeitarbeitern gegenüber dem Stammpersonal zu verhindern. Die Novelle zum Arbeitskräfteüberlassungsgesetz (AÜG) regelt die Gleichstellung von Zeitarbeitern und Stammpersonal etwa hinsichtlich

  • Zugang zu Wohlfahrtseinrichtungen und -maßnahmen (Kantinen, Betriebskindergärten, Beförderung),
  • Entgelt, Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen,
  • Information über offene Stellen,
  • Einbindung in die betriebliche Altersvorsorge sowie
  • Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Darüber hinaus kann ein neu geschaffener Sozial- und Weiterbildungsfonds Zeitarbeitern für die Dauer, in denen keine Überlassung möglich ist oder sie arbeitslos sind, Unterstützungen gewähren.

Besondere Belastungen der Zeitarbeit

Zeitarbeiter werden überwiegend zur Deckung von Belastungsspitzen in Betrieben beschäftigt. Dementsprechend verfügen sie über geringere Tätigkeitsspielräume als das Stammpersonal und stehen vor monotoneren und einseitigeren Arbeitsanforderungen.
Eine Umfrage unter deutschen Zeitarbeitern identifizierte deren belastende Umstände:

  • oft kein Wunscharbeitsplatz
  • ständig wechselnde Einsätze
  • Fehlen von Erfolgserlebnissen, da vor Abschluss einer Aufgabe oder Projekts die Firma verlassen werden muss
  • fehlende Wertschätzung durch den Entleiher
  • Behandlung als Fremde beim Beschäftiger
  • Konkurrenzdenken seitens des Stammpersonals
  • Unsicherheit hinsichtlich Arbeits- und Lebensplanung

Als besonders belastend beurteilen die Studienteilnehmer das Gefühl der sozialen Ausgrenzung: Zeitarbeiter haben oft den Eindruck, keine gleichwertigen Mitarbeiter zu sein.
Wird Zeitarbeit dazu benutzt, Personalkosten zu reduzieren, verdienen Zeitarbeiter oft weniger als das Stammpersonal, obwohl Zeitarbeiter und Stammpersonal in Österreich grundsätzlich gleichgestellt sind. Lohnunterschiede ergeben sich in der Praxis aus dem tarifvertraglichen Mindestlohn und dem faktischen innerbetrieblichen Lohnniveau. Darüber hinaus erhalten Zeitarbeiter kaum innerbetriebliche Prämien oder Sonderzahlungen.

Statistik https://www.forumgesundheit.at/cdscontent/?contentid=10007.688796

Eine statistische Erhebung der OÖGKK aus dem Jahr 2009 kommt zu dem Ergebnis, dass Krankenstände, Krankenhausaufenthalte und Medikamentenverordnungen aus dem Titel psychische Erkrankung bei Zeitarbeitern durchgängig häufiger war als bei Dienstnehmern in Regelbeschäftigung. Besonders die Arbeitsunfähigkeitsrate ist bei Leasingbeschäftigten durchgängig höher, und zwar statistisch signifikant.

Die Interviews mit Zeitarbeitern bestätigten, dass Arbeitsaufgaben von Zeitarbeitern oft bloße Routinetätigkeiten enthalten und wenig anspruchsvoll sind. Ausreichende Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume bei der Arbeit gibt es selten. Die Möglichkeit, persönliche Talente und Potentiale zu nutzen, ist jedoch für Menschen neben Geld, Sicherheit und Komfort wichtig, um zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein und den Arbeitstag nicht als zu lang oder anstrengend zu empfinden. Dann kann die berufliche Tätigkeit auch Gesundheit schaffen und der Fachmann spricht von „salutogenen Faktoren“ (d.s. Faktoren, die Gesundheit entstehen lassen) der Arbeit.

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Krankenstandszahlen

Krankenstände müssen sowohl dem Überlasser als auch dem Beschäftigerunternehmen gemeldet werden. Die Studie vermutet, dass sich Zeitarbeiter nicht auskurieren, sondern krank zur Arbeitsstelle gehen. Eine andere Studie belegt erhöhte Krankenstandszahlen bei diesen Dienstnehmern. Eine Begründung könnte sein, dass es durch nicht auskurierte Krankheiten schneller zu Wiedererkrankungen kommt.

Vier befragte Personen konnten keine direkten Folgen für ihre Gesundheit aus der Zeitarbeit ableiten. Es wurde zwar bestätigt, dass erhöhter Druck und Stress auf Zeitarbeiter einwirkt, aber direkte gesundheitliche Folgen wurden nicht angegeben. Jene Zeitarbeiter, die ihre Gesundheit durch Zeitarbeit belastet sehen, machen dies hauptsächlich an körperlichen Beschwerden, wie etwa Schmerzen im Stützapparat oder Gliederschmerzen, fest. Jeweils zwei befragte Zeitarbeiter beklagen, dass sie durch Zeitarbeit Magenschmerzen bekommen hätten beziehungsweise seit ihrer Zeitarbeit an Schlafproblemen leiden.
Daraus leitet die Studie ab, dass Krankheiten, die ursprünglich nicht direkt mit Zeitarbeit in Zusammenhang gebracht wurden, von der Belastung durch Unsicherheit und dem Drang schnellstmöglich die Arbeit wieder aufzunehmen, verstärkt werden und den Gesundheitszustand von Zeitarbeitern negativ beeinflussen. Dies kann sich auch auf die Psyche der Menschen auswirken.

Fazit

Zeitarbeit ist gekennzeichnet durch wechselnde Arbeitsaufgaben, Entlohnungsgefälle, Wechsel der sozialen Situation, häufige Arbeitsstellenwechsel und Unsicherheit über die Dauer der Beschäftigung. Dadurch führt sie zu hohen emotionalen Belastungen und kann dadurch psychische Erkrankungen fördern. Zudem werden Zeitarbeiter durch die Aussicht auf eine Fixanstellung oft erhöhtem Leistungsdruck ausgesetzt. Die spezielle Situation im Falle einer Erkrankung stellt eine weitere Belastung für Zeitarbeiter dar, so die Studie.

Obwohl immer mehr Beschäftiger Gesundheitsprogramme für ihre Mitarbeiter implementieren, die auch von Zeitarbeitern genutzt werden können, scheinen diese Angebote bei Zeitarbeitsfirmen zu fehlen. In keinem der geführten Interviews wurden Programme zur Gesundheitsförderung von Zeitarbeitern wahrgenommen. Zeitarbeitsfirmen verlassen sich hier offensichtlich auf die Programme der Beschäftiger und hoffen, dass ihre Mitarbeiter diese ebenfalls nutzen können, was durch die neue gesetzliche Regelung auch geregelt wird. Hier wären die Zeitarbeitsfirmen stärker in die Pflicht zu nehmen, um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter erhalten zu können, so die Studie.

Quelle https://www.forumgesundheit.at/cdscontent/?contentid=10007.688796



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