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Total überwacht im Job Wie Konzerne die eigenen Mitarbeiter ausspionieren

Mehr als die Hälfte der Konzerne mit mehr als 750 Millionen US-Dollar Umsatz pro Jahr überwacht, was ihre Mitarbeiter im Büro am Computer tun. Sie werten E-Mails und Chats aus, überwachen die Nutzung der Computer und – Gesichtserkennung und RFID-Chips sei Dank – Mitarbeiterbewegungen im Büro. Manche statten ihre Mitarbeiter gar mit Fitness-Trackern aus und erforschen, wie Herzfrequenz und Schlafqualität die Produktivität beeinflussen. Auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgelebter Voyeurismus oder ein legitimes Mittel zur Produktivitätssteigerung?

Brian Kropp vom Marktforschungsunternehmen Gartner berichtet gegenüber der britischen BBC, dass noch 2015 „nur“ ein Drittel der großen Konzerne die Mitarbeiter mit technologischen Mitteln überwacht habe. Heuer sei es schon mehr als die Hälfte. Nächstes Jahr erwartet Kopp, dass 80 Prozent der großen Konzerne ihren Mitarbeitern auf der IT-Ebene genau auf die Finger schauen und deren Aktivitäten auswerten. Das Thema polarisiert: Mitarbeiter sehen bei der täglichen Arbeit im Büro Orwell-Verhältnisse auf sich zukommen, Unternehmen sehen Potenzial zur Produktivitätssteigerung und heben hervor, dass die Überwachung ja auch gut für die Mitarbeiter sein könne.

„Der Verkaufsdruck war unbarmherzig“
Zur ersten Fraktion gehört die 34-jährige Courtney Hagen Ford, die bei einer britischen Bank tätig war – bis sie wegen der Überwachungspraxis dort kündigte. Der Arbeitgeber protokollierte jeden Tastatur-Anschlag, den sie im Büro machte, und nutzte eine Software, um auszuwerten, wie viele der von ihr betreuten Kunden später Bankprodukte wie Kredite in Anspruch nahmen. „Der Verkaufsdruck war unbarmherzig, das Totalitäre furchtbar“, erinnert sich Ford an ihre Zeit bei der Bank. Sie ergriff die Flucht durch Kündigung. Doch immer mehr Unternehmen setzen solche IT-Systeme ein.

Befürworter sieht Chancen in Mitarbeiterüberwachung
Das geschehe auch zum Vorteil der Mitarbeiter, vertritt Ben Waber eine andere Meinung. Als Chef einer Bostoner Firma, die solche Software zur Mitarbeiterüberwachung herstellt, erklärt er, man gebe Unternehmen die Möglichkeit, zu erheben, was ihre Mitarbeiter leisten und wie sie miteinander interagieren. Man werte lediglich den „Datenausstoß“ der Mitarbeiter aus. Das Werkzeug dafür: E-Mails, Chatprogramme, Namensschilder mit RFID-Chip und Mikrofon.

So werden nicht nur die Wege der Angestellten ausgewertet, sondern auch, wann und wie viel ein Mitarbeiter in welcher Tonlage redet. Waber sieht darin ein Werkzeug, mit dem Firmen Mobbing und sexuelle Belästigung bekämpfen können, und spricht vom „Fitbit für die Karriere“. Bei einem großen IT-Konzern habe man auf diesem Wege bereits festgestellt, dass Programmierer produktiver seien, wenn sie zu Mittag in größeren Runden beisammensäßen.

RFID-Chips, wie sie in Haustiere, aber auch Menschen implantiert werden können, sind winzig klein.

In Schweden werden RFID-Chips implantiert
Die RFID-Namensschilder, die Waber anbietet, kann der Mitarbeiter ablegen, wenn er Feierabend macht. In einem Bürokomplex in Schweden ist man allerdings schon einen Schritt weiter. Dort lassen sich die Mitarbeiter RFID-Chips in die Hand implantieren und nutzen sie als elektronischen Schlüssel für den Bürozutritt oder als digitale Visitenkarte, die Kontaktdaten beim Händedruck austauscht. Die Chips von der Größe eines Reiskorns werden bei „Chipping Parties“ implantiert.

Für Stressforscher Jeffrey Stanton der nächste logische Schritt nach dem gechippten Namensschild – und nicht per se schlecht. „Es wird vielleicht eine wachsende Zahl Bequemlichkeit förderlicher Anwendungen geben, sodass eine größere Zahl von Mitarbeitern einen solchen Chip haben will“, erwartet er. Wenn die Chips allerdings genutzt werden, um die Pausenlänge zu kontrollieren oder um die Wege der Belegschaft zu überwachen, „sind wir vermutlich im schlechten Bereich“.

Sensoren in der Redaktion: Journalisten streikten
Überwachung am Arbeitsplatz ist auch eine Frage der Kommunikation, wie 2016 die britische Zeitung „Telegraph“ feststellen musste. Dort hatte das Management, ohne die Redaktion darüber zu informieren, Hitze- und Bewegungssensoren unter den Bürotischen platziert – offiziell, um zum Zwecke der Energieverbrauchsoptimierung herauszufinden, an welchen Tischen gearbeitet wurde. Die Mitarbeiter streikten, nach 24 Stunden waren die Sensoren wieder weg. Marktforscher Kropp erklärt: Werden solche Maßnahmen nicht korrekt kommuniziert, gehen die Mitarbeiter vom Schlimmsten aus. Beziehe man sie dagegen mit ein, akzeptiere fast die Hälfte solche Maßnahmen.

Narkolepsie-Patientin begrüßt Überwachungs-App
Manche Mitarbeiter sehen auch Vorteile in der Überwachung ihrer Arbeit. Jessica Johnson (34) aus Australien zum Beispiel, die unter der Krankheit Narkolepsie leidet, bei der man unvermittelt für kurze Zeit einschläft und wenig später desorientiert wieder aufwacht. „Das betrifft meine Erinnerung und meine Fähigkeit, mich zu konzentrieren“, erklärt Johnson. In ihrem Job bei einer Versicherung sei sie deshalb froh über eine Anwendung gewesen, in der sie protokollieren musste, woran sie wann arbeitete. Nach ihren Anfällen habe ihr die Anwendung auf Handy und Computer geholfen, schnell wieder an jener Tätigkeit weiterzuarbeiten, die vom Anfall unterbrochen wurde.

Der Schöpfer der App erklärt die weiteren Möglichkeiten: „Algorithmen analysieren alle Daten und erzeugen schöne Diagramme.“ Damit erkenne man beispielsweise, wenn zu viel Zeit für unnötige Meetings oder die Beantwortung von E-Mails verschwendet werde – Informationen, die vor allem für den Arbeitgeber nützlich sind, aber auch dem Mitarbeiter bei seinem Zeit-Management helfen können. Zumindest, wenn der zu jenen 46 Prozent zählt, die solche Maßnahmen akzeptieren und sich auf die totale Überwachung am Arbeitsplatz einlassen.

Quelle https://www.krone.at/1902668

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